Anschlussfehler

Warum sieht man in Filmen nie jemanden mit einer halb aufgerauchten Zigarette? Und was hat das mit Uhren, Trinkgeld und Kirschen zu tun?

Wenn im Abspann eines Films „Continuity“ steht, ist damit die Person gemeint, die für die richtige Kontinuität verantwortlich ist. Also zum Beispiel dafür, dass eine Wanduhr nicht zuerst 6.30 Uhr anzeigt und zwei Minuten später schon auf 7.30 Uhr steht.

Ähnliches gilt für das Rauchen. Weil es schwierig ist, immer die Zigarette genau so weit aufgeraucht im Bild zu zeigen wie es dem Zeitverlauf der Handlung oder des Dialogs entspricht, sieht man immer nur das Anzünden und die ersten Züge an der Zigarette.

Ausserdem sieht eine erst wenig gerauchte, also noch fast ganze Zigarette besser aus als wenn jemand eine bis auf den Filter heruntergerauchte Kippe in der Hand hält.

Auch im richtigen Leben müssen wir, die wir keine Schauspieler sind, darauf achten, dass uns keine Anschlussfehler unterlaufen. Oder wir müssen sie absichtlich einbauen. Weil wir eine bestimmte Kontinuität nicht beibehalten, sondern sie verändern wollen.

Stanley Kubrick hat in seinem Film „Shining“ absichtlich Anschlussfehler als Stil- und Kryptierungsmittel verwendet. Nach dem Motto: „Es muss ja nicht immer alles so bleiben, wie es schon immer war!“ Oder: „Ich beginne eine neue Kontinuität wann ich das will!“

Siehe auch

https://youtu.be/HbjfcDdi314

http://www.dieseher.de/film_shining_371.php

Ähnliches dachte ich mir neulich auch, als ich am Strassenrand bei einer netten alten Dame, vermutlich Kroatin, zwei Schalen Kirschen zu je vier Euro erstand und mit zehn Euro beglich.

Sie meinte, ich hätte ihr aus Versehen zu viel Geld gegeben, worauf ich ihr versicherte: „Das passt schon, vielen Dank!“ Sie freute sich sichtlich und bedankte sich herzlich.

Am Tag darauf wollte ich dann nur eine Schale Kirschen kaufen. Ich überlegte, ob ich ihr wieder Trinkgeld geben sollte, und wenn ja, wieviel. Ich entschied mich, wieder die Vier-Euro-Schale mit fünf Euro zu bezahlen.

„Das müssen sie aber nicht jedes Mal“, sagte sie. „Doch, doch,“ meinte ich, „die schmecken ja wirklich gut. Wie lange gibt es die noch?“ – „So zwei Wochen“, meinte sie.

Ich habe jetzt also an zwei Tagen einen Euro pro Schale als Trinkgeld gegeben. Und das werde ich auch die nächsten zwei Wochen noch tun, sooft ich da Kirschen kaufe. Die Frau soll wissen, dass sie sich auf mich verlassen kann. Das habe ich mir eingebrockt.

Ich möchte schliesslich als jemand wahrgenommen werden, auf den man zählen, mit dem man rechnen kann.

Deswegen achte ich darauf, dass mir keine Anschlussfehler unterlaufen.

3 Kirschen 500

Ein Gedanke zu “Anschlussfehler

  1. Ein netter kleiner Einblick.

    Der LInk ist kurzweilig, auch wenn ich „Shining“ nicht mehr ausreichend in Erinnerung habe, so liest es sich interessant. Anschlussfehler … da fallen mir die nächtlichen Träume ein, die auch ganz ungeniert dieses Stilmittel verwenden, um mich als Träumerin zu verwirren. 😉

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