Fragen

Sowohl im täglichen Leben als auch beim Anschauen von Filmen oder Fernsehsendungen stelle ich mir permanent Fragen.

Im täglichen Leben sieht das so aus, dass ich mich oft frage, wie etwas aufgefasst werden könnte, was ich dann sagen oder nicht sagen werde. Oft erlebe ich die Überraschung, dass die Reaktion ganz anders ausfällt als erwartet.

Oft ist es aber auch so, dass ich bestimmte Dinge gar nicht erst sage oder schreibe, weil ich die negative Reaktion darauf so unverrückbar vor mir sehe, dass ich lieber schweige statt etwas zum Ausdruck zu bringen.

Bei Filmen stelle ich mir ständig die Frage, wie wohl die Regieanweisung ausgesehen hat, die ein Schauspieler oder eine Schauspielerin erhalten haben müsste, um so zu agieren wie er oder sie es tut. Ich stelle mir dann den Regisseur vor, wie er dem Schauspieler eine Grimasse vormacht, die als Regieanweisung dienen soll. Er sagt dann: „Kuck jetzt so als wenn du enttäuscht wärst“ oder „Rolle einfach die Augen und blicke nach oben“ usw.

Doch wahrscheinlich ist alles ganz anders.

Auch bei Talk- oder Gerichtsshows frage ich mich oft, was die Sprecher im Kopf haben, was sie sagen wollen oder sollen, ob sie einem Drehbuch folgen oder ob sie improvisieren. Das gilt auch bei Interviews mit Politikern.

Jetzt stelle ich mir mal die Frage, was die geneigten Leser dieser Zeilen wohl sagen oder denken könnten, wenn der Text jetzt hier einfach endet. Wahrscheinlich werden sie sich auch Fragen stellen.

Zum Beispiel: „Was will uns der Schreiber damit sagen?“ oder „Was soll ich mit so einem Text jetzt anfangen?“ oder „Kommt jetzt noch was?“ (Nein, es kommt nichts mehr) oder „Soll ich jetzt schnell nach unten scrollen, um zu sehen, wie lange dieser Quatsch noch dauert?“ oder „So ein Blödsinn!“ (Letzteres wäre dann eher ein Ausruf als eine Frage.)

Und ich frage mich jetzt, ob ich noch ein bisschen weiter schreiben oder einfach hier aufhören soll. Denn es nützt ja eh nichts.

Man kann einfach nichts vorhersehen oder vorhersagen.

Und das ist auch besser so.

 

4 Gedanken zu “Fragen

  1. Bei dem beabsichtigten Kommunizieren ist es oft so, dass Verfälschungen der beabsichtigten Botschaft schon beim Umsetzen von Gedanken in gesagte oder geschriebene Worte auftreten. Dann gibt’s natürlich den Verlust unterwegs – Schreibfehler, Nuscheln, schlechtes Hören – und zwischen Schreiber und Leser unterschiedlich konnotierte Worte. Was dann nach Verstehen der Worte noch an Botschaft ankommt, ist oftmals mehr mit den Erwartungen des Zuhörers oder Lesers gefärbt als mit der Botschaft des Senders.

    Prinzipiell stellst Du Dir damit – quasi auf der Meta-Ebene über all diesen Fragen – die Frage nach der Realität der anderen, die – wie Du erkannt hast – mit Deiner nicht unbedingt immer identisch ist. Für mich stellt der Prozess, den Du hier beschreibst, die Fragen, die Du hier stellst, etwas dar: Nämlich, dass Realität, dass die Aussage des anderen, was außen geschieht, eigentlich erst in unserem Kopf zu einer endgültigen Realität wird.

    Was objektiv da ist oder was der andere denkt oder sagen will, können wir nicht sehen, fühlen, hören, schmecken oder riechen. Wir können nur das, was durch unsere Wahrnehmung und evtl. schon die Aussage des Gegenübers gefiltert und interpretiert wurde und mit unseren Erwartungen und Erfahrungen gefärbt ist, als unsere Realität erhalten. Die Lösung ist sicher nicht, nicht mehr zu kommunizieren. Ich empfinde es als die Lösung, mehr zu kommunizieren, aber dabei zu akzeptieren, dass im Kopf des anderen eine eventuell ganz andere, für mich nicht vorstellbare Realität existiert. Ob meine oder seine richtig ist? Keine Ahnung. Beide sind sicher nicht identisch mit der objektiven, die wir vielleicht gar nicht erfassen können.

    … so weit der Versuch, Dir unter dem Vorwand Deiner Fragen den radikalen Konstruktivismus in meiner Interpretation zu „verkaufen“. 😉

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  2. Hättest ruhig noch was weiterschreiben können. Habs gerne gelesen. Ein paar Gedanken dazu:
    Es gibt mindestens zwei Wahrheiten im Kopf eines Menschen, die offizielle Version, die man nach außen tragen kann und eine Version, die dem inneren Zensor zum Opfer fällt. Wenn ich in einem Tagebuch lese, frage ich mich oft, was hiervon wohl die inoffizielle Version war. Denn selbst beim Tagebuchschreiben wirkte der innere Zensor, obwohl man doch für sich schreibt.

    Zum Thema Regie: Letztens sah ich wenige Minuten eines sehr schlechten Actionfilms. Als ich hineinzapte, liefen die Schauspieler zu einer am Boden liegenden Gestalt hin und blieben dort einfach wortlos stehen. Da trat mir der Unterschied vor Augen zwischen guter und schlechter Regie. Ein guter Regisseur hätte die Männer nicht einfach tatenlos herumstehen lassen. Aber offenbar hatte er selbst keine Vorstellung wie das authentisch zu gestalten wäre. Dann eine Verfolgung. Man sah in der Totalen den Flüchtenden und die Verfolger, jene manchmal in Großaufnahme als profiles Brustbild, offenbar nachträglich gedreht und hineingeschnitten. Aber man hatte gar nicht den Eindruck, dass es die Verfolger waren, weil sie völlig ausdruckslos geradeaus schauten. Auch der Eindruck eines Laufs vermiitelte sich nicht. Sie wippten nur ein bisschen auf und ab, als würden sie Laufen simulieren.

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  3. ich sehe jeden tag eine menge voraus. ich weiß z.b. schon jetzt, wo ich in einer stunde sein werde, wenn nichts dazwischenkommt – und es wird wahrscheinlich nichts dazwischenkommen. auch viele andere vorhersagen kann ich jeden tag machen, wann der oder jene kollege zur arbeit kommt, wann die sonne auf- und untergeht, dass ich in der mittagspause in der kiezkneipe sitze und welche stammgäste dort (aller wahrscheinlichkeit nach) zugegen sein werden… man kann viel mehr vorhersagen/-sehen, als man denkt.
    es gibt auch viele filme, wo man das ende bereits weiß. ebenso weiß man, dass man sterben wird – und hier ist die wahrscheinlicheit gar 100%. man kann sich sogar ausrechnen, dass es je nach alter in so oder so vielen jahren spätestens passiert.

    kommunikation ist eine sache des ausprobierens. etwa wie sex. man stellt es sich anders vor, als es kommt, aber meistens ist es trotzdem schön.

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  4. Pingback: Blog oder Tagebuch? | Schreibmans Kultbuch

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