Obenrum Gedanken

Als ich neulich im Massagesalon, so könnte der Text anfangen. Ich habe ja schon von verschiedenen Damen gesprochen, die sich gelegentlich um meine Füsse, Haare oder Zähne kümmern oder Übungen mit mir machen. Alles sehr intime und private Dinge, wobei einem normalerweise niemand zusieht.

Beim Massagesalon wird das dann noch etwas deutlicher. Ich war schon mal in so einem Thai-Laden, wo die Dame dann einen Vorhang zugezogen hat, bevor sie mich massierte.

Die Unterhose behielt ich an, war also nicht nackter als in einem normalen Schwimmbad, in dem sich auch Kinder und Erwachsene aller Geschlechter amüsieren.

Warum trennte mich bei der Massage ein Vorhang von der Umgebung ab, obwohl das Geschehen dahinter absolut jugendfrei war? Und wo ist überhaupt die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem?

Das Thema hat mich schon immer beschäftigt. Als Student schrieb ich eine Seminararbeit darüber.
Seminararbeit
Jetzt, da ich nicht nur die Studentenzeit sondern sogar eine ganze Berufslaufbahn hinter mir habe, bewegen mich immer noch oder schon wieder Fragen, die direkt oder indirekt damit zu tun haben.
Seminararbeit2
Was kann, will oder soll man in veröffentlichten Texten oder auch unveröffentlichten Tagebüchern von sich preisgeben und was lieber nicht? Und warum? Oder warum nicht?

Soll die Grenze zwischen Wahrheit und Erfindung so fliessend sein wie die zwischen Scham und Freizügigkeit? Was will man mit welcher Art von Texten bei anderen oder sich selbst bewirken? Oder was verhindern?

Wenn ich in einen Massagesalon gehe, begebe ich mich mit meiner ganzen Privatheit in den öffentlichen Raum, in dem ich auf andere private Personen treffe, die massieren oder massiert werden.

Wo ist die Grenze, die man gewollt oder ungewollt überschreitet, wenn man darüber berichtet?

Sie verläuft wohl immer noch und fast ausschliesslich „untenrum“.

Fortsetzung folgt, oder auch nicht

12 Gedanken zu “Obenrum Gedanken

  1. Ich registriere mit Erstaunen, wie offen du private Sachverhalte ansprichst, also hier beispielsweise die Thai-Massage oder zuvor körperliche Einschränkungen beim Gehen (Rollator). Noch erstaunlicher, dass du dich 1975/76 schon mit den Aspekten Privates und Öffentliches auseinandergesetzt hast. Die Grenzen zwischen den Bereichen haben sich schon mit dem Aufkommen des Mobilfunks zugunsten der Öffentlichkeit verschoben. Ich erinnere mich an mein Erstaunen in den 1990-er Jahren, als ich erstmals hörte, wie ein junger Mann in einem Bekleidungsgeschäft am Hemdenständer mit einer Partnerin telefonierte und Hemdenfragen in aller Öffentlichkeit erörterte. Das wäre heute nicht der Rede wert, war aber in den 90-ern noch ungewöhnlich. Inzwischen geht der Trend zum völligen Verlust des Privaten, wie Orwell es nicht hat denken können. Und das freiwillig, nicht in einer Diktatur, abgesehen vom sozialen Bewertungssystem in China.

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  2. Und dann gibt es noch die Blogger. Zweimal glaube ich, dass ich so Jemand beobachten konnte. Einmal musste ich im Zug zuhören, wie Eine vermutlich grad einen Eintrag diktiert hat. Zumindest klang es so. Da vermischt sich dann das Öffentliche und das Private. Aber im öffentlichen Raum. Ich würde sowas nicht so laut diktieren. Über Gefühle und so. – Ansonsten ist Bloggen für mich ein bisschen wie Beichten. Man sieht den Priester nicht wirklich. Dann kann man reden. Anonym natürlich, wie Hyper schon sagte. Oder wie eine große Selbsthilfegruppe.

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  3. Ein fein konstruierter Bogen aus dem Thaimassagesalon zurück zu den Herren Schnabel und Moritz. Privatheit nimmt in diesen Tagen immer mehr ab im öffentlichen Raum. Was man sich während langer Zugreisen manchmal anhören auf den billigen Plätzen muss grenzt an Nötigung.
    Diese Menschen haben ihr Privatleben längst veröffentlicht. In öffentlichen als auch in den virtuellen Räumen. Aber halt, so ganz doch noch nicht.
    Als echte deutsche Menschen sprechen sie natürlich nicht über ihr monatliches Gehalt. Und viele natürlich auch nicht über ihre Schwierigkeiten mit dem Stuhlgang oder beim vögeln. Darüber habe ich noch nichts gehört. Und ich fahre viel mit dem Zug.
    Interessante Gedanken beziehungsweise Fragen stossen sie an.

    PS: die Frage „woher wissen Sie das“ hätte ich ebenfalls so am Rand notiert 😉

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  4. Diese Tage bei meiner Therapie, habe ich gemerkt, wie viel privat ich öffentlich mache. Ich fand heraus, dass keiner in meiner Umgebung mich als Mensch richtig privat kennt. Keiner…..Ich führe ein Parallel Leben. Und damit begebe ich mich hier in die Öffentlichkeit……. Ich ziehe wie im Thai Salon den Vorhang zu.

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  5. Die Sache ist doch die, daß solche Grenzen immer sehr individuell sind. Dem einen macht es nichts aus, sich in Unterhose zu zeigen, dem anderen schon. An Orten wie Massagesalons stellt man sich dann praktischerweise mehr auf höhergesetzte Grenzen ein, sicherlich auch deshalb, weil es zur Entspannung beiträgt und von zu vielen Reizen abschirmt.
    Und selbst, wenn sich Menschen in ihrer Privatheit in der Öffentlichkeit zeigen, unterliegen sie dabei stets ihren eigenen Grenzen und Tabus, was sie von sich zeigen und was nicht. Manchmal scheint es so, es gäbe für einige keine Grenzen mehr, z.B. was Blogeinträge betrifft, doch das stimmt nicht. Allerdings glaube ich auch, daß diese Grenzen durchaus dynamisch sind, und sich sowohl kollektiv als auch individuell verschieben können.

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