Durch die Zahnlücke gesagt

Kaum hat man mal ein bisschen Platz zwischen zwei Zähnen, durch die dann der Atem entsprechend etwas anders strömt, muss man gleich ein paar Telefongespräche führen. Aber es ging.

Meine Frau meinte sogar, mit dieser Zahnlücke wäre ich noch geschwätziger als sonst, gerade als ob ich etwas beweisen wollte. Wie dem auch sei, die Lücke wird nur 24 Stunden lang offen geblieben sein, dann ist wieder Ruhe.

Ich erzählte meiner Frau beim Frühstück ein paar Dinge, die mir so durch den Kopf gingen. Sie meinte, dass das fast schon eine Vorlesung gewesen wäre, was ich ihr da so erzählte. Naja, eher Halbwahrheiten eines Halbgebildeten, würde ich mal sagen wollen.

Ich sprach also von Roland Barthes, Strukturalismus und „Der Tod des Autors“. Ich war ja schon immer gegen Personenkult und habe mich auch früher im Deutschunterricht immer gewundert, warum die Dichter immer etwas Engagiertes sagen sollen oder wollen, so wie es später Jean-Paul Sartre verlangt hat. Und die Leser sollten das dann herausfiltern oder interpretieren.

Warum konnten die das denn nicht direkt sagen, sondern mussten erst ein Theaterstück wie „Biedermann und die Brandstifter“ schreiben, um ihre These zu verdeutlichen. Dass es halt die Biedermänner waren, die die Nazis an die Regierung brachten.

Das scheint vielleicht alles etwas wirr, was ich jetzt sage, aber die Leser mögen es meiner Zahnlücke zugute halten. Ich muss halt schnell noch etwas diktieren, bis ich wieder in meinen normalen Schweigeton verfalle.

Also was ich sagen wollte. Eigentlich sollte es uns ja egal sein, wie ein Dichter oder sonst ein Schreiberling etwas gemeint hat und was er aussagen wollte, vor allem auch wenn er schon längst tot ist.

Was zählt, sind doch eigentlich nur die Texte, die er hinterlässt und die von der Leserschaft dann vielleicht ganz anders verstanden werden als wie sie ursprünglich gemeint waren.

Trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich versuchen will, zu verstehen, wie was gemeint war. Und das durchaus in guter Absicht.

Manche machen es auch in schlechter Absicht wie zum Beispiel der Autor von Spiegel Online, der einen Satz eines Dschungelcampers bewusst falsch zitierte, um ihn lächerlich zu machen. Peter Orloff hatte nämlich gesagt, und das habe ich selber gehört, dass Aufgeben keine Option ist. „Nie aufgeben! Ist keine Option!“

Der Spiegel-Autor zitierte ihn dann falsch mit: „Nie aufgeben ist keine Option!“ Eine kleine Veränderung des Satzzeichens, der den ganzen Satz in sein Gegenteil verkehrt.

http://www.spiegel.de/kultur/tv/dschungelcamp-ibes-tag-12-nie-aufgeben-ist-keine-option-a-1249392.html

Man muss halt oft ganz genau lesen. Nicht nur, um herauszufinden, was der Autor beabsichtigt hat, sondern auch, um darauf zu achten, was er an Falschinformationen verbreitet.

Okay, das wollte ich nur mal gesagt haben. Jetzt fahre ich zum Dentallabor und hole mir das reparierte Teilchen zurück.

Damit ich wieder den Mund halten kann.

Tot in der Badewanne

Der Satz von Michel Houellebecq („Der Künstler ist immer einer, der ebenso gut gar nichts tun könnte, der allein mit der Versenkung in die Welt und einer damit verbundenen vagen Träumerei zufrieden wäre“) ist in ganz anderer Richtung revolutionär als es zunächst scheint.

Besagt er doch weniger über die Kunst und die Künstler also solche, sondern vielmehr etwas über deren unbedeutende Rolle in der Geschichte und Philosophiegeschichte.

Sie ist tatsächlich gleich null. Ein Gemälde ist dekorativ wie eine Tapete. Es und sie hatten nie einen Einfluss auf den Lauf der Geschichte.

David Tod des Marat

Davids Gemälde „Der Tod des Marat“ hat genauso wenig zur Französischen Revolution beigetragen wie das Theaterstück von Peter Weiss.

Weiss Marat Charenton Sade

Man kann sich als Schriftsteller selbst optimieren und schöne Theaterstücke schreiben, aber die Welt verändert man damit nicht.

Jean-Paul Sartre hatte die Diskussion um die Wirkung von Literatur darauf reduziert, dass es darum gehe, dass Literatur engagiert sein müsse. Kunst um der Kunst willen (L’Art pour l’art) sei konterrevolutionär.

Aber Literaten und andere Künstler können so engagiert sein wie sie wollen. Politisch wirksam sind und bleiben so langweilige Texte wie Parteiprogramme, Gesetze und Twitter-Meldungen.

Laut Houellebecq gibt es seit Schopenhauers Tod 1860 nichts Neues in der Philosophie und Geistesgeschichte. Der Mensch wird in eine schlechte Welt geboren und stirbt in einer ebensolchen.