Nicht jeder Teppich ist rot

Es ging mir um ein ganz bestimmtes Zitat, in dem von einem Teppich die Rede war. Ich hatte nur noch eine vage Vorstellung davon, was ich einmal gelesen hatte, und googelte „Sprache Teppich ausrollen“. Leider erhielt ich nur Textstellen, in denen von einem roten Teppich die Rede war.

Erst nach längerem Suchen gelang es mir, im Spiegel-Archiv den Namen des Autors und die gesuchte Textstelle zu finden. Darin wurde der Sprache nicht etwa ein „roter Teppich ausgerollt“, noch wurde ein solcher überhaupt ausgerollt, sondern regelrecht ausgebreitet.

Teppiche werden von uns nämlich ausgebreitet, wenn wir über irgendwas mit irgendwem sprechen.

„Wir reden“, erklärt Dirk Baecker, „um immer mehr von dem zu verstehen, von dem wir gleichzeitig immer weniger verstehen.“

Das muss man erstmal zweimal lesen. Und auch dann versteht man es eher nur annäherungsweise.

„Wir reden, um einen Teppich auszubreiten, über den wir dann laufen können und unter dem wir die Welt vermuten. Wir reden nicht, um etwas herauszufinden, sondern um etwas auszuprobieren.“

Das Ich erfindet und zeigt sich mit jedem Satz neu. Es ist nie das gleiche wie noch vor ein paar Minuten. Wir sprechen, um uns voranzutasten, um alles bisher Gesagte und Gehörte weiterzuentwickeln, und um „zu hören, wie es klingt, am Klang zu erkennen, was wir eventuell noch meinen, und am Gegenüber zu erleben, wie weit das reicht.“

Wie weit hat das (bis zu) Dir jetzt gereicht, lieber Leser?

http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/52715204

Mutters Sprache

Aus mir bricht zunehmend meine Mutter hervor. Wie soll ich das erklären?

Während mir von den Sprüchen meines Vaters auf Anhieb nur „Druck erzeugt Gegendruck – alter militärischer Grundsatz“ einfällt oder „Die sollte man alle an die Wand stellen“, habe ich von meiner Mutter jede Menge Sprüche für alle Lebenslagen auf der Festplatte.

Sie kommen bei mir mit zunehmendem Alter immer mehr zum Einsatz, wie ich finde. Sei es in meinen Gedanken und Gesprächen, sei es in bestimmten Lebenssituationen, zu denen sie mir einfallen.

„Man hat’s nicht leicht, aber leicht hat’s einen.“ Das ist eine allgemeine Lebensweisheit mit vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten.

Speziellere Anwendung finden dann Sätze wie „Man muss das Säckle auch mal zubinden, wenn’s noch nid voll isch“ oder „Der Aufpasser isch auch schon die Trepp nunter gfalle“. Es hat sich halt keiner selber gmacht.

Soll mir niemand sagen, dass ihm das nie passieren könne. Denn: „Bürschle, Du kommsch auch noch an Schmiersbacks-Eck vorbei!“