Langzeitzeit

Ich habe alle Zeit der Welt. Das ist jetzt ziemlich genau 15 Jahre her, dass ich dieses Gefühl hatte. Und zwar zum ersten Mal in meinem Leben in dieser Deutlichkeit.

Nach einem Zusammenbruch, wonach ich vier Wochen im Krankenhaus verbracht hatte, begann mein neues Leben. Ich war dem Tod von der Schippe gesprungen und hatte das Gefühl, dass von jetzt an jeder weitere Tag, den ich erleben durfte, ein Geschenk ist.

Dieser Moment, von dem ich jetzt rede, fand nach einem Einkauf im Städtle statt. Ich war auf dem Weg zu meinem Elternhaus, in dem ich nach der Scheidung von 2001 bis zum Tod meiner Mutter 2004 wohnte, und das ich dann verliess, um mit einer neuen Freundin zusammenzuleben.
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Ich kam zu Fuss aus der Stadt mit meinen Einkäufen. Gegenüber von unserem Haus, auf der anderen Seite der Kinzig, im alten Bahnhof von Wolfach, wohnte Roland Schuler. Er war Künstler
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und mein Jahrgang und wir hatten uns alsbald angefreundet. Leider ist er inzwischen verstorben.
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Er stand also einfach so da, am Geländer zwischen dem Gehsteig und der Kinzigwiese, und schaute unserem heimatlichen Flüsschen beim Fliessen zu. Ich blieb wie selbstverständlich neben ihm stehen, stellte die Tasche ab und lehnte mich ebenfalls mit den Armen auf das Geländer, mit Blick auf mein Elternhaus. Ich fragte ihn wie es so geht. In aller Ruhe, als sei es das Selbstverständlichste der Welt.
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Und das war genau dieser entscheidende Moment, in dem ich das Gefühl hatte, dass ich es überhaupt nicht eilig zu haben brauche. Dass ich jetzt hier stehen und mit einem Freund reden kann, solange wir beide Lust dazu haben. Einfach nur bissle mitenander schwätze, wie man hier so sagt.

Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Und meines zweiten Lebens. Bis dahin hatte ich es immer irgendwie und aus irgendwelchen Gründen mehr oder wenig eilig gehabt, war durch alle möglichen Termine gebunden und so weiter und so weiter.
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Inzwischen bin ich 15 Jahre älter. Und gerade jetzt wieder habe ich dieses Gefühl, das mit zunehmendem Alter ja eigentlich eher schwächer werden müsste. Aber ich habe es, dieses Gefühl.

Ich habe alle Zeit der Welt.

Zeit läuft

Es gibt so Momente, da kann ich auf die Uhr oder auf den Kalender schauen: Die Zeit schreitet nicht voran, scheint auf der Stelle zu treten. Auf dem Crosstrainer könnte man das noch als normal empfinden, denn man tritt ja tatsächlich und im wahrsten Sinne des Wortes auf der Stelle.

Manchmal passiert es mir auch, dass ich einfach innerlich das Gefühl habe, dass die Zeit gerade zu einem Stillstand gekommen ist.

Wenn zum Beispiel irgendwas erst in drei Stunden anliegt, dann kann es mir passieren, dass ich das Gefühl habe, eine lange Wartezeit von drei Stunden vor mir zu haben. Drei Stunden Leere. Nicht Leerlauf, nur Leere. Ich muss dann halt einfach irgendwas machen, sonst geht die Zeit nicht weiter.

Seit ich jetzt etwas reifer – also Rentner – geworden bin, stelle ich im übrigen zwei gegenläufige Veränderungen in meinem Zeitgefühl und Zeitmanagement fest.

Im Grunde habe ich ja alle Zeit der Welt und kann machen, was ich will. Wunderbar.

Nun ist es aber so, dass ich zwar einerseits oft das Gefühl habe, dass ich mich mit nichts beeilen muss, dass ich mir zu allem viel Zeit nehmen kann und dass ich mich von niemandem irgendwie drängeln lassen muss.

Was ich mache, kann ich langsam und sorgfältig tun. Ich habe Zeit und keine Fristen oder dringenden Termine.

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Wie beendet man ein Telefongespräch? Früher, als Zeit noch Geld war, sagte man: „Lass uns mal Schluss machen, das („Ferngespräch“) wird sonst zu teuer.“ Dass man einen Film zu Ende schauen will, ist nicht nur spiessig, man kann ihn ja auch einfach anhalten.

Dass man noch wichtigere Dinge zu tun hat als am Telefon zu quatschen, geht auch nicht. Ist nicht nur sehr unhöflich sondern auch einfach nicht wahr.

Und „andererseits“? Andererseits habe ich mit zunehmendem Alter jedoch immer öfter im Hinterkopf, dass unsere Lebensdauer begrenzt ist.

Je älter man wird, desto weniger kann man noch längerfristige Planungen vornehmen. Ich bekomme also ein immer deutlicheres Gespür dafür, dass ich mir meine Zeit vernünftig einteilen muss.

Das bedeutet, dass ich im Gegensatz zu dem, was ich unter „einerseits“ dargelegt habe, „andererseits“ keine Zeit zu verlieren habe. Von wegen „Ich habe ja Zeit“. Ja, doch sie wird immer kürzer.

Und irgendwann hört sie dann ganz auf.

So, ich muss jetzt leider schliessen. Habe noch zu tun!