Schönes Fiasco

Gärspund

Weiss jemand, was das ist? Moment, ich sag’s dann gleich. Wie ich darauf komme? Das sag ich jetzt sofort. Es war nämlich so.

Ich sah einen Film der Reihe „Mord im Mittsommer“, in dem ein Mann sich eines solchen Röhrchens bediente.

Das erinnerte mich an eine gewisse Zeit, in der auch ich ein solches verwendete. Das ist mir jetzt nicht peinlich. Peinlich ist mir höchstens, dass ich dauernd an Dinge in der Vergangenheit denke, wenn ich Filme sehe.

Oft sage oder denke ich dann „Da war ich auch schon mal“ oder „Sowas hatte ich früher auch“ oder „Das habe ich oft gemacht“ und so weiter und so fort.

Aber zurück zum Röhrchen. Ich hatte mich eine Zeit lang dafür interessiert, nicht nur meinen eigenen Gemüsegarten zu bestellen, sondern auch eigenes Bier und eigenen Wein herzustellen. Beim Bier hab ich gleich am Anfang einen Fehler gemacht, weil ich tote Bierhefetabletten statt lebende Bäckerhefe verwendete, was natürlich völliger Unsinn war und keinerlei Gärung in Gang setzte.

Ich hatte einen darin erfahrenen Übersetzerkollegen, der mir dann beibrachte, wie man es richtig macht.

Um Wein herzustellen, pressten wir Kirschen und füllten den Saft in so eine grosse Ballonflasche, die auf Französisch Dame-jeanne und im Italienischen Fiasco heisst.

Nach einiger Zeit fängt der Saft an zu gären und heftig zu blubbern. Und damit die Flasche dann nicht überläuft, setzt man einen Gummipfropfen und eben diesen Gärspund (englisch „water trap“) als Verschluss obendrauf, wobei man in das Röhrchen etwas Wasser gibt, sodass nur Luft entweichen, aber nicht in die Flasche eintreten kann.

Dieses Blubbern und Gären kann Tage und Wochen dauern, bis die im Fruchtsaft enthaltene Hefe den Zucker in Alkohol verwandelt und so den Saft zu Wein macht. Mit ein wenig zugegebener Hefe kann man den Vorgang beschleunigen und mit Zugabe von Zucker den Alkoholgehalt erhöhen.

Mein Kirschwein hatte damals 16 Volumen %. Und eine gewisse Menge davon habe ich dann an einem Abend am Gartenzaun mit meinem Nachbarn getrunken und mehr will ich hier lieber nicht erzählen.

Nur so viel, es war der beste Rausch meines Lebens.

 

Rache einer Kämpferin

Die „Medea“ des Euripides hatten wir damals im Griechisch-Unterricht gelesen, natürlich auf Griechisch. Das Stück handelt von einer starken Frau, die sich nicht so einfach betrügen lässt und Rache nicht nur plant, sondern sie auch bis zum äussersten betreibt.

Medea Euripides

Die Geschichte, die auf der griechischen Mythologie basiert, hatte mich schon damals ziemlich beeindruckt. Im Latein-Unterricht hatten wir es hauptsächlich mit kriegerischen Eroberungen zu tun. Schon damals interessierten mich aber Psychodramen und starke Frauen mehr als Cäsars Eroberungen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Doctor Foster

In der britischen Netflix-Serie „Doctor Foster“ entdeckt eine erfolgreiche Ärztin, dass sie von ihrem Mann, einem Immobilien-Promoter, seit zwei Jahren in grösserem Umfang betrogen wurde. Da heisst es handeln. Soll sie sich eher nichts anmerken lassen und dadurch zunächst in einem gewissen Informationsvorteil sein oder gleich zum Angriff übergehen und sich so richtig an dem Mann rächen, der auch Vater ihres Sohnes ist? Oder beides, eins nach dem anderen?

Suranne Jones

Die Serie hatte zunächst nur 5 Folgen, wurde wegen des grossen Erfolges um eine zweite Staffel erweitert. Die ersten 6 Folgen hab ich während zwei Nachtschichten meiner Frau verschlungen und alles ist noch so schwungsvoll und spannend wie es begonnen hatte. Bin ziemlich begeistert und gefesselt. „Ehebruch als hochspannender Psychothriller“ titelt die Seite Hitchecker.
https://www.hitchecker.de/serien-filme-kritiken/serienchecks/item/2371-doctor-foster-staffel-1-dvd-kritik.html

Von der Äwwenju in die Urinstrasse

Vorigen Sonntag war ich ja nach Belgien zu einem Krankenbesuch gefahren. Erst hinterher habe ich entdeckt, dass mein Handy die ganze 500 km lange Strecke in einer „Zeitachse“ aufgezeichnet hat.

Meine Fahrt nach Belgien am 8. April 2018

Eigentlich hatte ich ja über Nancy fahren wollen und durch den 7 Kilometer langen Maurice-Lemaire-Tunnel zwischen Sélestat und Saint-Dié, den ich seit 40 Jahren kenne und mag. Irgendwie hatte ich jedoch die Abzweigung verpasst und folgte dann dem Navi über Strasbourg. Das war allerdings noch der alte Navi. Mit dem neuen wäre mir das vielleicht nicht passiert.

Ihr Französisch müsste die Nachfolgerin von Madame Tomtom allerdings noch ein bisschen verbessern. Und Avenue nicht Englisch aussprechen. Und aus der Rheinstrasse (Rue du Rhin) keine Ru-eh-d’Urin machen.

Heute bin ich dann mal wieder meine kleine Dreiländertour (60 km) gefahren, für die ich natürlich keinen Navi brauche. Ich wollte nur mal sehen, was der sich alles merkt.

Dreiländertour 60 km

Ich war also nach Riehen in der Schweiz gefahren, um in der Migros ein paar Kleinigkeiten einzukaufen. Da gibt es wirklich

Schoggi in der Migros
alles

 

Schweizer Schokolade
was man so braucht

ausser Alkohol und Zigaretten. Auf dem Rückweg habe ich dann noch ein paar Erdbeeren aus Frankreich mitgenommen.

Einkaufskorb

Allen, denen jetzt ein bissle das Wasser im Mund zusammengelaufen ist, wünsche ich ein schönes Wochenende. Und den anderen natürlich auch.

 

In zwei Minuten zur Baguette

Hab heute mal ein Filmchen gedreht. Naja, gedreht werden Filme ja eigentlich nicht mehr. Ist ja keine Kurbel an der Kamera. Jedenfalls hat es mir aber Spass gemacht. Hab extra das französische Radioprogramm von France Info laufen lassen. Der Film fängt kurz vor der Grenze an, führt quer über die A5, den Altrhein und den Rhein-Seitenkanal und dauert zwei Minuten. Zählt man die fünf Minuten bis Neuenburg dazu, ist meine Baguette-Strecke sieben Minuten lang, etwa sieben Kilometer.

In vino veritas

Achkarren

Übermorgen, Sonntag, fahre ich zu einem Krankenbesuch nach Brüssel. Dort werde ich auch eine gute Bekannte treffen, die mich gestern gebeten hat, ihr vier Flaschen Wein mitzubringen. Und zwar einen ganz bestimmten Rotwein vom Kaiserstuhl.

Sie dachte wohl, dass es den hier in jedem Supermarkt gibt, dem ist aber nicht so. Ich erfuhr schließlich, dass man ihn entweder direkt vor Ort oder in einer der Edeka-Hieber-Filialen im weiteren Umkreis finden kann. Da das Wetter schön war und es bis nach Vogtsburg-Achkarren nur 40 km sind, fuhr ich heute dort hin.

Als ich auf dem Parkplatz der Winzergenossenschaft aus dem Wagen stieg, hatte ich sofort die Nase voller Weindunst und Trester-Geruch. Das erinnerte mich an die beiden Jahre Anfang der 1970er, als ich als Student in Traben-Trarbach an der Mosel bei der Weinlese geholfen und 50 DM pro Tag plus Kost und Logis erhalten hatte. Ich habe also immer noch diese Geruchserinnerung. Die ist dann wohl unauslöschlich.

Ich ging in den grossen Verkaufsraum, wo an einem Tresen ein Rentnerehepaar sass, Wein verkostete und der Verkäuferin lauter Dinge erzählte, die diese sich einfach nur anhören musste – ob es sie nun interessierte oder nicht. Es interessierte sie nicht, soviel war klar.

Irgendwann schaffte sie dann doch den Absprung bis zu mir und fragte nach meinem Begehr. Ich wusste ja ganz genau was ich wollte, zeigte ihr ein Handyfoto von einer Flasche des Jahrgangs 2014, das meine Bekannte mir geschickt hatte, und bat um einen 6er-Karton.

Ob ich probieren wolle? Ich verneinte freundlich und war auch damit einverstanden, statt Jahrgang 2014 Produkte vom Jahrgang 2016 zu erstehen.

Ich verabschiedete mich und wurde auch von dem älteren Ehepaar mehr oder weniger von der Seite angequatscht. Der Mann sagte nicht nur „Auf Wiedersehen“ zu mir, sondern auch noch sowas wie „Und geniessen Sie den guten Tropfen!“ Als wenn er den Wein selbst geerntet, gekeltert und auf Flaschen gezogen hätte.

Ich sagte nur, schon hinausgehend, „Der ist nicht für mich.“ Und er so „Naja, aber trotzdem, es ist ein sehr guter Tropfen.“ Woher er das wohl wusste? Wollte sich wohl nur bissle als Kenner outen. Hätte sicher gewünscht, dass ich mich auf ein Gespräch einlasse, in dem er mir dann erzählt hätte, wann er diesen Wein, damals, zum ersten Mal gekauft hätte und so weiter und so fort. Da hatte er halt Pech. Ich hatte keine Lust, mich volllabern zu lassen.

Ich fuhr dann wieder heim, um den Wein gleich in den Keller zu bringen, damit er bei dem tollen Wetter nicht im Auto ins Schwitzen gerät.

Während der Fahrt überlegte ich, was ich mit der Rechnung von 38,22 € machen sollte. Soll ich mir das Geld erstatten lassen und vielleicht Kleingeld auf 40 € rausgeben? Oder schlimmer noch, 40 € einstecken, weil sie vielleicht ungeschickterweise „Lass mal“ sagen würde? Ich möchte ihr den Wein gerne schenken. Aber ich weiss nicht, ob sie so ein Geschenk annimmt.

4 Flaschen hatte sie ja „bestellt“. „Les bons comptes font les bons amis“ sagt man. Korrekte Abrechnung erhält die Freundschaft.

Ich muss mir das nochmal überlegen.

 

 

Wiener

Sarah Wiener

Der Vater der Starköchin Sarah Wiener veröffentlichte vor fast 50 Jahren ein nicht nur für mich damals sehr wichtiges Buch mit dem Titel „Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman“.

In seinem epochalen Werk, das alles andere als ein Roman ist, hat Oswald Wiener schon 1969 wichtige Entwicklungen vorhergesehen.

Oswald Wiener

Die Kubakrise lag erst wenige Jahre zurück und die Berliner Mauer sollte noch ganze 20 Jahre lang bestehen bleiben. Die Ankündigung, dass das Ende des Kalten Krieges unausweichlich bevorstehe, klang da eher illusorisch.

Zentrales Thema von Oswald Wiener war die zunehmende Bedeutung der von dem Mathematiker Norbert Wiener einige Jahrzehnte zuvor begründeten Kybernetik, also der Regel- und (Selbst-)Steuerungstechnik (von griechisch κυβερνειν (kybernein) = „steuern“), auf der letztlich unsere gesamte Digitalisierung basiert.

Oswald Wiener befasste sich unter anderem mit den Bereichen Künstliche Erlebniswelten und Künstliche Intelligenz. Er sah Entwicklungen voraus, auf denen heute Augmented Reality, Google Glasses und Videospiele basieren.

Vater & Tochter Wiener

Nachdem er zeitweise ein eigenes Lokal in Berlin betrieben hatte, lebt er heute zurückgezogen in Kanada.

Kochbuch Sarah Wiener La Dolce Wiener
Wiener-Dimensionen umfassen vieles, vom Dolce Vita bis zur Verbesserung von Lebensbedingungen durch Informationstechnologie

 

Ostergruss

Happy Easter / Joyeuses Pâques / Frohe Ostern

Mein Ostermärchen (Wiederholung) gibt’s hier:

https://schreibmanskultbuchauswahl.blogger.de/stories/2681493/

 

Chécrets

 

Also bei mir ist das so. Manchmal finde ich einfach keinen ersten Satz. Weil ich gar nichts bestimmtes zu sagen habe.

Naja, jetzt bin ich ja schon beim dritten, damit müsste es dann eigentlich laufen.

Der erste Satz war übrigens ein Vorschlag meiner Frau, als ich ihr sagte, dass ich auf der Suche bin.

Okay, ich wollte über einen Roman schreiben, der in Frankreich spielt, und dann fiel mir Wuppertal ein.

Uli und die Schwebebahn
Schwester Uli und die Schwebebahn

Als wir in Wuppertal lebten, nannten wir die dortige Tageszeitung immer das „Schwebebahn-Journal“. Weil jeden Tag irgendeine – und sei es auch noch so kleine – Meldung über die Schwebebahn drin stand.

Und jetzt habe ich einen Roman einer Schweizer Autorin angefangen, der in einer bestimmten Region spielt.

baumann

Statt einer Schwebebahn gibt’s dort die Kathedrale von Lisieux, Caen, weisse Kühe, Apfelbäume, die Apfelblüte im April, Apfelkuchen, flambiert mit Calvados, Cidre und … die berühmten Strände der Normandie! Da, wo damals die Alliierten gelandet sind.

invasion

Was Margot S. Baumann an zwei Stellen ihres Werks unreflektiert und political incorrect als „Invasion“ bezeichnet.

Im Licht der Normandie

Der Roman ist eine Mischung aus Liebes- und Kriminalroman, eigentlich ein besserer Groschenroman. („Er sog scharf die Luft ein, riss sie dann ungestüm an sich und gemeinsam fielen sie aufs Bett. Sein Körper glühte, als würde er in Flammen stehen“ usw.) Deswegen werde ich ihn auch nicht zu Ende lesen. Er langweilt mich einfach.

Charolais Rind
Charolais-Rind, fotografiert 2014 von Nell
Lilli

Interessiert und neugierig gemacht hatte mich der Satz „Un chécret r’à pège teullement qu’à la fin no peut pus l’portaer“. Kein „richtiges“ Französisch, ich tippte auf Dialekt, Patois, Alt-Französisch. Frau Baumann übersetzt ihn so leichthin und ohne genauere Erklärung mit „Nichts wiegt so schwer wie ein Geheimnis.“

Auf Neu-Französisch würde der Satz wohl lauten: „Un secret pèse tellement qu’à la fin on ne peut plus le porter“ – Ein Geheimnis wiegt so lange immer schwerer, bis man es schliesslich nicht mehr (er)tragen kann.

CREPERIE MONTOISE

In der Crêperie (2008)

Ich habe „Im Licht der Normandie“ von Amazon Prime geschenkt beziehungsweise kostenlos geliehen bekommen. Das wird mich jedoch nicht veranlassen, mich bis zum Ende des Apfelkuchens durchzufressen.

Ich möchte endlich mal wieder ein gutes Buch lesen! Und einen guten Text schreiben.